Die Rams und der Hype - 2:2 ist Warnsignal und Hoffnung zugleich
Die Rams waren vor der Saison das vermeintliche "Superteam". Im Gegensatz zu all dem Hype steht nach vier Spieltagen "nur" eine 2:2-Bilanz auf dem Papier. Für ein gewöhnliches NFL-Team wäre das ein Zwischenstand ohne besondere Aussagekraft. Für die Rams ist er ein kleiner Realitätscheck. Denn kaum eine Mannschaft ging mit größeren Erwartungen in die Saison 2026.
Matthew Stafford ist der amtierende MVP. Puka Nacua und Davante Adams sollten eines der explosivsten Receiver-Duos der Liga sein. In der Defense holten die Rams All-Pro-Cornerback Trent McDuffie und seinen CB-Partner Jaylen Watson von den Chiefs. Das war schon ein Paukenschlag, doch danach folgte der ganz große Coup: Die Rams holten DE Myles Garrett von den Browns, den amtierenden Defensive Player of the Year. Und schließlich kehrte auch noch Aaron Donald aus dem Ruhestand zurück.
Zusammen mit vielen anderen Medien und Experten erklärte NFL.com die Rams zum Super-Bowl-Favoriten. Nach dem Ende der vergangenen Saison, also vor all diesen Blockbuster-Trades, hatte das Portal Los Angeles bereits auf Rang zwei seiner Power Rankings gesetzt und den Kader als einen der am besten aufgestellten der Liga bezeichnet.
Die Fallhöhe war entsprechend groß.
Schwieriger Start in Australien
Der Saisonstart hätte kaum schlechter zum Super-Team-Narrativ passen können. In Melbourne unterlagen die Rams den San Francisco 49ers mit 7:27. Stafford kam auf gerade einmal 155 Passing Yards, keinen Touchdown, eine Interception und einem Passer Rating von 61. Die Reisestrategie der Rams ging nicht auf, und auch medial bekleckerte man sich nach dem Spiel nicht mit Ruhm.
Eine Woche später sah die Welt schon wieder anders aus. Beim 28:6 gegen die New York Giants spielte Stafford mit vier Touchdown-Pässen und einem Passer Rating von 131 wieder wie der MVP. Auch Aaron Donald könnte nach Abwesenheit zum Saisonauftakt diese Partie beeinflussen.
Doch die Konstanz blieb aus. In Denver folgte eine 26:30-Niederlage, obwohl die Rams offensiv 506 Yards produzierten.
Gegen die Eagles lag man zur Halbzeit mit 10:20 zurück. Stafford hatte bis dahin zwei Interceptions geworfen und die Offense wirkte phasenweise zäh. Doch das Team drehte das Spiel, angeführt von einer brutalen Defense, mit 14 Punkten im Schlussviertel und gewann 24:20. Stafford brachte in Endeffekt 32 von 51 Pässen für 317 Yards an, Kyren Williams erzielte zwei Touchdowns und Puka Nacua feierte bei seinem Comeback neun Receptions für 125 Yards(bei einem Rush-TD aus einem Vintage Jet Sweep).
Es war kein Statement-Sieg im klassischen Sinne. Dafür war die Offense zu fehleranfällig. Aber es war vielleicht der aufschlussreichste Sieg der ersten vier Wochen. Denn ein Superteam muss nicht jedes Spiel dominieren. Es muss Spiele gewinnen, wenn nicht alles funktioniert.
Die Statistik erzählt eine widersprüchliche Geschichte
Wer nur auf die Bilanz schaut, könnte die Rams für ein durchschnittliches Team halten. Die statistischen Zahlen zeichnen aber ein komplizierteres Bild.
Los Angeles hat nach vier Spielen 1.668 Offensive Yards produziert – im Schnitt 417 Yards pro Spiel. 1.202 Yards kamen durch die Luft, 507 über den Boden. Die Rams haben damit enorme Mengen an Raumgewinn produziert. Gleichzeitig stehen 85 Punkte auf dem Konto, also 22,2 pro Partie. Die Gegner kommen auf 83 Punkte.
Deutlicher wird die Diskrepanz beim Ballbesitz: Los Angeles hat 90 First Downs erzielt, die Gegner erst 66. Bei den Third Downs stehen die Rams bei 22 von 51 erfolgreichen Versuchen, also 43,1 Prozent. Die Defense lässt dagegen nur 17 von 51 zu – 33,3 Prozent.
Das Problem liegt deshalb weniger darin, dass die Rams keine Yards produzieren. Sie produzieren zu wenig Punkte aus ihren Yards.
Ein Teil der Erklärung sind die Turnover
Das Turnover-Verhältnis steht nach vier Wochen bei -5. Stafford hat sechs Touchdown-Pässe geworfen, aber ebenfalls sechs Interceptions. Sein Passer-Rating liegt bei 80,5. Zum Vergleich: In seiner MVP-Saison 2025 kam Stafford auf 4.707 Yards, 46 Touchdowns, nur acht Interceptions und ein Passer-Rating von 109,2. Das ist derzeit die größte Abweichung zwischen Anspruch und Realität.
Stafford muss nicht wieder 46 Touchdowns werfen. Aber die Rams können sich nicht weiter diese Menge an Turnovers leisten.
Trotzdem ist die Offense alles andere als eindimensional und gerade deshalb macht sie Hoffnung.
Davante Adams führt Los Angeles nach vier Spielen mit 22 Catches für 390 Yards und zwei Touchdowns an. Kyren Williams hat 294 Rushing Yards bei 5,4 Yards pro Lauf und drei total Touchdowns. Puka Nacua kommt trotz seiner verletzungsbedingten Pause bereits auf 14 Receptions für 199 Yards und einen Touchdowns auf dem Boden.
Nacuas Rückkehr könnte dabei besonders wichtig sein. In Philadelphia zeigte sich sofort, wie sehr seine Fähigkeit, nach dem Catch Yards zu produzieren, die Offense verändert. Die Eagles konnten ihn nicht dauerhaft aus dem Spiel nehmen, und genau dadurch entstanden Räume für Adams und Williams.
Das ist die vielleicht größte Stärke der Rams. Die Spieler unterstützen sich gegenseitig.
Wenn Stafford keinen MVP-Tag erwischt, kann Williams das Laufspiel tragen. Wenn das Laufspiel funktioniert, entstehen Möglichkeiten für Adams und Nacua. Und wenn die Offense einmal stockt, kann die Defense Spiele offenhalten.
Genau dieses Zusammenspiel muss allerdings noch regelmäßiger funktionieren.
Die eigentliche Herausforderung heißt NFC West
Und damit kommt der Faktor hinzu, der die 2:2-Bilanz besonders interessant macht. Es ist die eigene Division.
San Francisco ist nach vier Wochen noch ungeschlagen, Seattle hat ebenfalls erst eine Niederlage kassiert. Die Rams stehen dahinter auf Rang drei, Arizona bildet mit 1:3 das Schlusslicht. Die NFC West war bereits nach der vergangenen Saison eine der am härtesten umkämpften Divisionen der NFL, und sie bestätigt diesen Ruf.
Die Niederlage gegen San Francisco wiegt doppelt. Sie war nicht nur die erste Saison-Niederlage, sondern gleichzeitig ein direkter Rückschlag im Kampf um die Division.
Und die kommenden direkten Duelle werden nicht leichter.
Am 13. Dezember geht es nach San Francisco. An Weihnachten folgt das Gastspiel in Seattle, bevor die Seahawks zum Abschluss der regulären Saison nach Los Angeles kommen.
Bis dahin müssen die Rams möglichst viele Siege sammeln. Denn wenn die NFC West tatsächlich zu einem Dreikampf um die Playoffs wird, könnte Los Angeles am Ende weniger gegen die Liga als gegen die eigene Division spielen.
Der Spielplan lässt keinen langen Anlauf zu
Die gute Nachricht: Nach vier Wochen ist noch überhaupt nichts verloren.
Die Rams empfangen als Nächstes die Buffalo Bills. Danach folgen Arizona, Las Vegas und die Los Angeles Chargers. Vor der Bye Week geht es außerdem nach Washington und erneut nach Arizona. Erst danach beginnt die ganz schwere zweite Saisonhälfte mit Green Bay, Kansas City, San Francisco, Dallas und Seattle.
Das macht die kommenden sechs Wochen enorm wichtig.
Denn bis zur Bye Week können die Rams eine Bilanz aufbauen, die ihnen vor dem Dezember eine gute Ausgangsposition verschafft.
Die größte offene Frage ist nicht das Talent
Das Kuriose an den Rams ist deshalb: Über Talent muss niemand diskutieren.
Stafford ist ein MVP. Garrett kommt aus einer Saison mit 23 Sacks und ist auf NFL.com als bester Spieler der Liga geführt worden. Donald war/ist einer der dominantesten Defensivspieler der NFL-Geschichte. Adams und Nacua gehören zu den herausragenden Playmakern auf ihrer Position. McDuffie verstärkt eine Secondary, die vor einem Jahr noch als Schwachstelle galt.
Die Frage lautet vielmehr, ob diese Ansammlung von Stars zu einer funktionierenden Einheit wird.
Denn Superteams scheitern selten daran, dass ihnen individuelle Qualität fehlt. Sie scheitern daran, dass sie ihre Qualität nicht konstant genug in Siege übersetzen.
417 Yards pro Spiel stehen nur 21,3 Punkten im Durchschnitt gegenüber. Sechs Interceptions stehen sechs Touchdown-Pässen gegenüber. Dem Sieg-/Niederlagenverhältnis von 2:2 steht ein Kader gegenüber, der vor der Saison als Super-Bowl-Favorit gehandelt wurde.
Los Angeles hat bislang gezeigt, dass es Spiele dominieren kann: Die Mannschaft kann ohne große Mühe gegen New York 28:6 gewinnen und sie kann in Philadelphia nach einer zuvor desolaten offensiven Vorstellung trotzdem im vierten Viertel zurückkommen.
Das Super-Team-Narrativ ist also nicht verschwunden.
Es hat lediglich seine erste Bewährungsprobe bekommen.
Und genau darin liegt die entscheidende Aufgabe für Sean McVay. Er muss aus einer Ansammlung von Stars eine Mannschaft formen, die Fehler übersteht, Ballverluste reduziert und ihre enorme offensive Produktion konsequenter in Punkte verwandelt.
Denn die NFC West wird keine Geduld haben.
Im Superbowl-Jahr hatten die Rams und Sean McVay es schon mal geschafft. Es wird hoffentlich auch in diesem Jahr funktionieren.

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